Die Wahrheit ist ein Heer

Katharina Tiwald meint, dass sich Menschen zwischen 10 und 17 Jahren in einem „verdichteten Menschheitslaboratorium“ befinden: „Die leben alles, was Leben sein kann, zusammengepresst zu einer irren Intensität.“ So intensiv erleben wir auch die Jugend der Hauptfigur G. in Tiwalds Buch, in einem Zeitraffer, alles Relevante aneinandergereiht zu einem exemplarischen Lebenslauf. Erster Schultag, Kindergeburtstag, Mathe-Schularbeit, Demütigungen von Komparsen-Klassenkollegen, Chillen im Park, gescheiterte Freundschaftsversuche, der erste Kuss, das erste Mal. Keine Pausen, keine Ersatzhandlungen, die Zwischenräume herausgeschnitten, keine Zeit für den Leser, sich zwischen den Zeilen auszuruhen.

Diese Tatsache macht neben der überwältigenden Sprache den Reiz von „Die Wahrheit ist ein Heer“ aus. Der Roman wirft einen messerscharf-genauen Blick auf bürgerliches Aufwachsen und Selbstfindung und ist in seiner Analyse teilweise so erbarmungslos wie die Schule selbst. Eine klare Sicht auf die Zeit der Pubertät und Selbstfindung ohne „Graduation Goggles“, ohne rückwirkendem Weichzeichner – aber mit viel Einfühlungsvermögen. Der Arbeitstitel des Buches könnte passender nicht sein: „Pflichtlektüre“.