Die Wahrheit ist ein Heer

„Es ist nicht genug, einfach irgendwie eine Geschichte zu erzählen, damit sie erzählt ist.“ Mit dieser Einstellung hat sich die junge Österreicherin Katharina Tiwald an die Arbeit gemacht, um einen dringend notwendigen Roman über Pubertierende, den schulischen Mikrokosmos, Entwicklung und Selbstfindung zu schreiben. Achtzig Jahre nach dem Schüler Gerber wird das Mädchen G. zu einer neuen Identifikationsfigur.
Die Geschichte beginnt mit dem ersten Schultag, dem erhobenen Zeigefinger des Vaters, dem überzeugten Prediger von Lebensernst und Pflichterfüllung. Die kleine G. betritt eine Welt, deren Spielregeln verwirrend, demütigend, erschreckend und aufregend sind. Lehrer sind Redner, die Sprache ist ihre Waffe, ihr Wundermittel. Wissen unterschiedlichster Art überrollt G. Denn nicht nur der Unterricht stellt sie vor neue Erkenntnisse, die Welt des Pausenhofs, die Reviere der Alpha-typen, die mehr oder weniger verborgenen sozialen Kämpfe im Dickicht des Klassendschungels verlangen genau so viel Aufmerksamkeit.
Dieses rasante Lerntempo stellt Tiwald gekonnt mit ihrer Erzählstimme dar: Eine wichtige Episode reiht sich an die nächste, die Zeit dazwischen wird ausgeklammert, Wortschöpfungen tragen die Grundstimmung, Beklemmung, Angst und der Zauber der ersten Verliebtheit verschmelzen in fulminanter Sprachdichte zu einem Bilderstrom. Manchmal gerät das ein wenig überbordend, nicht jede Liste von Vergleichen wäre notwendig gewesen, manchmal wechselt die Stimme dadurch auch zu sehr ins Erwachsenenlager, jedoch tut das der durchgehenden Qualität des Textes wenig an.

Unter Druck

Tiwald sieht genau hin, schafft es, die komplexen Abläufe im Leben der Jugendlichen trotz der Zeitraffermethode nachvollziehbar zu gestalten. Episoden und Figuren erhalten etwas allgemein Gültiges, die Schriftstellerin als Privatperson verschwindet vollkommen (…). Die eigene Befindlichkeit ist nicht ihr Thema. Ihr ist wichtig zu zeigen, unter welchem Druck die Heranwachsenden stehen, die Intensität dieser Jahre darzustellen.
G. wird an den Ansprüchen vieler zerbrechen, an den Erwartungen und an der Blindheit derer, die sie lieben. G. wird in ihrer Einsamkeit von allen als jemand anderer wahrgenommen, eine süße Kollegin, ein lieber Kumpel, eine gute Schülerin, eine angepasste Tochter, eine, die sich auf Lust und Leidenschaft einlässt und teuer dafür bezahlen muss, eine, deren Hilferufe niemand hört. Auch deshalb sollte dieser Roman eine Pflichtlektüre sein.