Das Cosima Panorama

Cosima Wagner – Frau des Operngranden und Antisemiten Richard Wagner, Tochter von Franz Liszt und Schriftstellerin Marie d’Agoult – verkörpert wie kaum eine Zweite die masochistische, wohl eingeübte (und von Papa geförderte) Selbstverleugnung einer weiblichen Muse. In der Rolle der dienenden Frau unterdrückt sie das eigene Talent, um in der Gegenbewegung umso mehr im Werk ihres Mannes aufzugehen. „Das Cosima Panorama“ hält Innenschau in diesen Charakter und verleiht ihm Stimme: gruselig-logisch, beherzt und tragisch unbeirrbar.
Mit dem Theatertext verschnitten werden die Lebensgeschichten von „ganz normalen“ Frauen, die Schnittpunkte mit Cosimas Biographie aufweisen – spannende Berührungen, die zeigen, wie zwingend weibliches Schicksal heute noch ist, wie fragil die Möglichkeit der Entscheidung.

Messe für Eine

Messe für Eine

Die katholische Messe ist eigentlich eine überwältigende Show. Während die Gemeinde im poetischen, rhythmischen Gemurmel versinkt, hat der Priester einen Glanzauftritt als Rhetoriker; und alle Handlung strebt dem ultimativen Ritual zu, der Aufbereitung von Brot als Körper und Wein als Blut, der Einverleibung von Körper und Blut letzten Endes.
In den Texten der katholischen Liturgie steckt eine Sprengkraft, die hinter allem Göttlichen aufs Menschliche zielt. Welche Dramatik steckt in dem Satz „Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken, durch meine Schuld“! Allerdings verblasst die dramatische Kraft vor dem unbedingten Gott – dann doch lieber das eigene Hochgekommene nach oben lenken, hinprojizieren; und sie verblasst vor dem Automatismus, der in die Liturgie eingekehrt ist – Automatismus durch Gemeinschaft.
Die „Messe für Eine“ (nämlich für eine Frau) sind die aufgebrochenen Formeln der katholischen Messe. Die Formeln sollen zwischen die Finger gepresst werden, und ihre Essenz soll zwischen den Fingern hervorquellen. Dabei geht es nicht darum, das Christentum zu propagieren und die Messe als Messe zu erneuern. Diese Messe steigt aus dem System und konzentriert sich auf die Sprachkraft dessen, was in einer Messe eigentlich gesagt wird, sie wirft zerrissene Schlaglichter auf die Rituale, die im Rahmen einer Messe vollzogen werden: das Bekenntnis der eigenen Schuld, die verzweifelten Fürbitten, die Suche nach dem Ort der Toten …
All das ist in der klassischen katholischen Messe aber von Gott und dem Gottstreben überlagert… selbst die Tagesgebete, von denen es für jeden Sonntag im Jahreskreis ein eigenes gibt, spiegeln Ideologie wieder, die sich sprachlich zerlegen lässt – nämlich den Handel mit Gott: die Selbsterniedrigung, damit wir das verheißene Erbe erlangen.
Der neue Text, die „Messe für Eine“, hält sich an den Verlauf der katholischen Messe, wortet aber um, schichtet um, reißt auseinander, lässt sich den Herrschaftsdiskurs nicht gefallen und zielt in die Mitte der Dinge.

Dorf Interrupted

Dorf Interrupted

Es gibt Momente, in denen ein einziger Impuls genügt, um eine Kettenreaktion auszulösen. Der Impuls für die Kettenreaktion „Dorf.Interrupted“ war eine Ausschreibung des Theaters Phönix, das nach einem „radikalen Volksstück“ suchte.

Ok, dachte ich. Und hatte sofort die Figur „Dorf“ im Kopf, die Szene, in der das Dorf zum Berg wird, die andere, in der es zum Tal wird…

Aus meinem Konzept:

… Ein piekfeiner Blick auf die Sprache: Wenn Floskeln kommen, dann nur, weil sie Floskeln sind. Ein Schwerpunkt liegt auf litaneihaften Elementen – Schönheit und Schrecken der Wiederholung: Das Rhythmische, Rituelle versus die Langeweile. …

Das Unwahrscheinliche ist ja das Dorf an sich, weil hier tötende Trägheit, Verrücktheit und Hoffnung in einem Raum aufeinanderprallen, der so klein ist, dass Anonymität nicht gegeben sein kann. Insofern ist eine stringente, nacherzählbare Handlung hier nicht Priorität. Es geht eher um die Schaffung eines abstrakten Tableaus, das die dörflichen Grundstimmungen vermitteln soll. … Das Stimmungsgewebe, das durch den Text hergestellt werden soll, stützt sich auf ein Handlungsfragment, allerdings soll es neben den eindeutig erzählbaren Teilen symbolisierte Szenen geben. … Rahmenhandlung ist das Einstudieren eines Theaterstücks durch eine ländliche Laiengruppe: Die erste Szene nennt sich „Das Spiel“; von ihr geht der Bogen der Handlung weg, um in der zehnten Szene, „Das Hoffnungsspiel“, zu münden. Mit Verlogenheit, Begehren, entsetzlichen Geschichten im Dorf konfrontieren sich die im Theaterstück involvierten Personen in dieser letzten Szene, so gut es geht. Tapsig sind sie auf der Suche nach Sinn und der Zuflucht in Ritualen, wie auch das Theaterspielen eines ist. Das Dorf wird in der neunten Szene durch ein Unwetter von der Außenwelt abgeschnitten. Es liegt überhöht am Berg, das Tal ist überschwemmt. Durch die Abgeschnittenheit wird die Konfrontation mit der jeweiligen Realität für die Figuren zwingender. Der Bürgermeister dreht durch.

Einige Worte zur Figur „DORF“:
Diese Figur ist die abstrakteste. … Es kann als lebende Metapher begriffen werden: das Dorf als die Übergestalt, der Übervater, der Spielleiter, der letztlich die Fäden in der Hand hat, die Figur, der keine/r entkommt. Mag sein, dass von Seiten der Bewohner mit der geplanten Dorferneuerung der Versuch kommt, das Dorf im Namen der Verschönerung zu bezwingen; im eigentlichen ist das ein Versuch der Zähmung.
Das Dorf kommentiert, aber nicht nur: es demonstriert seine Stärke und Überlegenheit sowohl in der siebten Szene, „Das Ausziehen“, in der es die Bewohner und Bewohnerinnen entblößt, als auch in den Szenen, in denen es zu Berg oder Tal wird. Es baut sich auf, es baut sich ab; es wirft sich auf, es schält sich ab. An diesen Prozessen können die übrigen Figuren Anteil haben oder auch nicht.
Mehr „Handlung“ muss in solchen Szenen nicht gegeben sein. Der Stimmungsboden, der durch sie erzeugt wird, ist aber wichtig, um die Atmosphäre des Stücks zu unterstreichen.

Die Verbindungen der handelnden Personen sind zueinander teils sehr konkrete. Was das PÄRCHEN betrifft, so erfüllt es eine Platzhalterfunktion: die Darstellerin und der Darsteller treten als verschiedene Pärchen auf, sollen also gleichsam „morphen“. … In den immer ähnlichen Zweierkonstellationen können so aber jeweils unterschiedliche Nuancen ausgelotet werden, wobei die Frage der Macht eine immer wieder interessante ist.
In Beziehung zu den anderen Figuren lässt sich beispielsweise fragen, welche Beziehung der FOTOGRAF dazu hat: Welchen Einfluss hat das Bebildern auf menschliche Beziehungen? Trägt das unbedingte Bebildern, das Abrücken von der Imagination also, zur Gewalt bei? Ist Bilderflucht ein Ausweg, und wenn ja, wohin führt diese Flucht? – Ins Wort? Ins Wahrnehmen? In die Vorstellung?
Das Fliehen verkörpert unter den Figuren am ehesten die NONNE. Sie leidet unter Verfolgungswahn, ist eigentlich keine Nonne mehr, sondern „entlaufen“ und verdient sich ihr Geld durch Beischlaf. Sie fühlt sich auch vom Dorf verfolgt, von der Landschaft berückt, sie empfindet die Landschaft als erotisch aufgeladen. Trotz allem ist sie eine der stärksten Gestalten, sie führt Regie in Shakespeares „Sommernachtstraum“, das zu spielen sich die Theatergruppe vorgenommen hat. Sie setzt ihre Interpretationen durch: eine davon, nämlich, dass Puck in Wirklichkeit ein finsteres, kaum sichtbares aber immer im Hintergrund vorhandenes Geschöpf ist, könnte man auch auf das „Dorf“ umlegen.